Was ist meine Übung? Über Jodo Shinshu lesend und vom Nembutsu, vom Namen-Der-Uns-Ruft, zu lernen, ließ mich sehr nachlässig in der Zazen-Übung sein. Wenn die Elemente, aus denen das Universum zusammengesetzt ist, letztlich leer, das bedeutet: fluide, unbegrenzt und voller Potenzial, sind, kann man mit der Soto Zen Schule sagen: Die Form, die diese Leerheit bzw. Unbegrenztheit ausdrückt, ist das Zazen, das Nur-Sitzen. Aber man könnte genauso gut mit Shinran, dem Begründer der Jodo Shinshu Schule, sagen: Es gibt nichts mehr zu tun. Und die Antwort auf diese Gnade drückt sich in dem Namensruf "Namo Amida Butsu" aus. Es ist keine Formel, die irgendetwas bei irgendeiner übernatürlichen Gottheit bewirken könnte. Es meint ein Anerkennen und Empfangen der Wirklichkeit, dass alles in unzähligen Begegnungen und Verknüpfungen lebt.
Diese sehr flexible Form eines simplen Namensrufes ist wunderbar. Sie kann ganz dicht bei mir sein, mich für einen Augenblick unterbrechen, während ich gerade noch dabei bin, die Wäsche abzuhängen. Hingegen: Wo ist Zazen im Ablauf meines Alltags?
Und doch: Als jemand, der in Kirche arbeitet, weiß ich: Diese Nicht-Form, diese Fast-keine-Form ist auch schwer. Für Gruppen ist es leichter, eine gemeinsame Erfahrung zu machen, wenn es etwas zu machen gibt. Zum Beispiel ein Ritual, eine Liturgie, ein Gottesdienst, ein Sesshin. Ja, Zen-Formen sind sehr reglementiert! In Ritualen genieße ich es, Urlaub zu haben von (meinen) Meinungen oder davon, "Konversation" machen zu müssen. Oder sehr persönlich sein zu müssen in einer "improvisierten" Begegnung.
In der Darstellung von Soto Zen und Jodo Shinshu, die beide in der Kamakura-Zeit entstanden sind, heben manche Kommentator*innen hervor, dass ihre Hauptakteure, Dogen (1200-1253) und Shinran (1173-1263), Zeitgenossen waren und beide ehemalige Mönche in der Tendai-Schule, die in Theorie und Ritual sehr vielfältig, ja synkretistisch angelegt war. Kontrastrierend dazu hätten Soto Zen und Jodo Shinshu eine "single practice" in den Mittelpunkt gestellt. Bei Dogen ist es Zazen in der Form des Shikantaza (Nur-Sitzen), bei Shinran das Nembutsu. Der Vergleich ist überraschend, aber für beide Schulen doch reichlich verkürzt.
Was ist meine Übung? Und was ist eine gemeinsame Übung, die ich mit vielen Menschen teilen kann, die ich kenne? Im Moment denke ich: Es ist schwer, die Zen-Übung zu teilen. Sie braucht klare Einordnung und Einsatz von seiten der Übenden. Menschen, die an einem Sesshin teilnehmen wollen, brauchen Ressourcen von Zeit und Geld. Ich fürchte, es ist nur ein bestimmter gesellschaftlich-privilegierter Ausschnitt, der sich das leistet. Welche Übung verkörpert wirklich, dass es nichts zu erreichen gibt? Und wie begegnen sich Menschen "improvisierend", die ahnen, dass keine Übung fruchtet und nicht nötig ist, um im Licht gehalten zu werden? Man verabredet sich vielleicht zu einem Spaziergang und versucht einander zuzuhören und nacheinander zu fragen. Oder man schreibt eine Postkarte. Vielleicht ist es nur das?
(Und vielleicht kann die Fast-keine-Form des Nembutsu einen befreien, all diese alltäglichen Dinge zu tun, offen für die natürliche Wirklichkeit, dass alle Dinge miteinander in Resonanzen gehen.)
(25. März 2022)